Ansprache von Anneliese Zwez zur Jubiläumsausstellung

Wie feiert man ein Jubiläum? Meist tut man es rückblickend. Elisabeth Staffelbach, die am 5. November 1976 in Lenzburg zusammen mit Madeleine Thomann einen «Kunstladen» eröffnete, macht das nicht: «Ihr wisst, ich lebe in der Gegenwart», hat sie in Gesprächen im Vorfeld zum Jubiläum immer wieder betont. Und das ist gut so, denn eine Galerie ist ein rollendes Gefährt, das sich aufgrund vielfältigster Faktoren ständig wandelt.

Man muss sich ja nicht vorstellen, dass sich gleich die «Crème de la crème» der 70er-Jahre darum riss, in einem deutlich von den Nach-68er-Jahren geprägten «Kunstladen» zweier engagierter, aber in der Aargauer, geschweige denn der nationalen Kunstszene noch überhaupt nicht bekannten Lenzburger Frauen auszustellen! 

Ich war zur selben Zeit eine Lenzburger «Jung-Kunst-Kritikerin». Über die Eröffnung habe ich selbstverständlich nicht für die Neue Zürcher Zeitung geschrieben, sondern für die Lokalseite des Aargauer Tagblattes.

Doch wir Frauen sind damals vorwärts gestürmt, egal ob wir dabei auch mal den Kopf angeschlagen haben.

Der Kunstladen Staffelbach/Thomann entwickelt sich rasant, wird nach wenigen Monaten schon zur «Galerie» und tritt mit aargauisch wie schweizerisch bekannten Künstlerinnen und Künstlern auf. Das war in den 1970ern als Galerien in allen Regionen der Schweiz wie Pilze aus dem Boden schossen, noch möglich. Heute nicht mehr und auch wir feiern das 40-Jahr-Jubiläum der Galerie in Zürich!

Doch 1979 zum Beispiel stellten der Innerschweizer Franz Bucher – wir nannten ihn den «Wölkli-Bucher» – die Bernerinnen Marianne Grunder und Heidi Künzler, der Aargauer Kurth Häfeli, aber auch die Engländerin Diana Yorston, die Frottagen von Dolendeckeln zeigte, u.a.m. in Lenzburg aus.

Sie merken: Ich bin im Gegensatz zu Elisabeth Staffelbach die mit Lust und Faszination Zurückblickende, die alle 10 Jahre, wenn wieder ein Jubiläum fällig war, schaute und analysierte. Und so schenke ich der Galeristin heute so etwas wie ihre eigene Geschichte, fast lückenlos, was die ersten 20 bis 25 Jahre anbetrifft, dann nur noch mit einzelnen Spots. Einerseits weil ich mehr und mehr Richtung Bern aufbrach, andererseits weil der Platz, den die Zeitungen der Berichterstattung über Ausstellungen in Galerien gewährten, ständig zurückgefahren wurde, um hier in Zürich  schliesslich praktisch auf null zurückzugehen. War das eine Zeit als ich noch über jede Ausstellung bei Elisabeth Staffelbach vier verschiedene Texte für die vier Aargauer Tageszeitungen schrieb und jeder doppelt so lang wie die sporadischen Berichterstattungen heute hier und dort!

In den letzten Wochen habe ich diese Texte aus meinem Archiv herausgesucht – zum Teil waren sie auch bereits auf meiner Website aufgeschaltet. Nun sind sie alle – zumindest in einer Version – im Internet abrufbar und als Ausdrucke hier in diesem Ordner versammelt. Sie können nach meiner Rede darin blättern und ich kann ihnen versichern, sie werden nicht aus dem Staunen herauskommen, insbesondere über die Fülle des über die Jahre Gezeigten.

Mit etwas detektivischem Geist werden Sie schnell herausfinden, dass die früheste Ausstellung einer der heute hier präsenten Kunstschaffenden jene von Gillian White ist; sie stellte erstmals 1983 zusammen mit ihrem Mann Albert Siegenthaler am Kronenplatz in Lenzburg aus. Doch denken Sie ja nicht, dass damals ähnliche Arbeiten wie heute im Zentrum standen. Nein, es gab unter anderem Schwäne und Vögel damals in ihrem Werk – Flügel waren ein wichtiges, symbolgeladenes Zeichen in der Kunst von Frauen jener Zeit. Aber Kunst entwickelt sich und Galeristinnen ebenso.

Entsprechend hat sich auch das Galerie-Programm verändert. Die Vorstellung, dass eine Galerie über Jahrzehnte mit denselben KünstlerInnen arbeitet, hat ganz vereinzelt seine Richtigkeit, aber meist nicht. Und zwar aus verschiedensten Gründen. Ich spüre es schon: Sie denken jetzt, ich würde eine Schweigeminute ansagen für alle, die bereits gestorben sind. Das könnte man in Gedanken an Peter Hächler, an die bereits genannte Marianne Grunder, an Hans Schärer, an Albert Siegenthaler, an den Berner Graphiker und Maler Hans Jürg Brunner, an den Aargauer Ueli Michel, an Michael Biberstein usw. Aber das ist nur ein Aspekt. Es gibt auch das Moment, dass Künstler  aus einer Galerieverbindung abspringen, weil sie ihrer Ansicht nach bessere Angebote haben oder einen Vertrag mit einer anderen Galerie eingegangen sind, der ihnen verbietet, auch anderswo auszustellen. Oder es gibt Meinungsdifferenzen, die zu einem Bruch führen. Das Business ist nicht so einfach, um es gelinde auszudrücken. Der schwierigste Grund für den Wandel eines Galerieprogramms ist aber der Faktor Ehrlichkeit.

Nur wenigen Künstlerinnen und Künstlern gelingt es, ein Leben lang immer im Fokus des  Interesses zu bleiben. Das gilt übrigens für alle Kultursparten. Irgendwann ist man mit den richtigen Werken zur richtigen Zeit am richtigen Ort, doch dann verschiebt sich der Fokus – andere Inhalte, andere Medien, andere Referenzen schieben sich ins Zentrum und die Kunst der eben noch mit Beachtung Bedachten fällt zwischen Stuhl und Bank. Denn dem Zeitgeist hinten nach eilen, ist selten erfolgreich. Das ist nicht nur für die Kunstschaffenden eine ausgesprochen schwierige Situation, sondern auch für eine Galeristin. Wie einfach haben es  die vielen Kuratoren und Kuratorinnen heute, die für temporäre Ausstellungen einfach hier und dort pflücken, was ihnen gerade aktuell scheint und die Kunstschaffenden dann wieder entlassen.

Bei einer Galerie ist das anders. Da sind die Beziehungen viel enger. Eine Galeristin muss zu 100% hinter dem Werk jener stehen, die sie zeigt; sie vertritt sie während einer Ausstellung, soll für Verkäufe und damit Einkommen für die Schaffenden sorgen. Ich habe Elisabeth Staffelbach im Ohr wie sie mir sagt: Ach weisst Du, er oder sie ist gerade in einer schwierigen Phase, aber ich kann sie oder ihn doch jetzt nicht einfach fallen lassen … (das ist kein Zitat, sondern erinnert). Und so suchte sie den Zusammenhalt, verstand sich als Mut-Macherin. Aber wenn das Publikum, die Käuferschaft nicht mitmacht, wenn letztlich die eigene Erkenntnis kommt, das ist nicht mehr «meine» Kunst, dann muss auch eine Galeristin ehrlich sein und ihr Programm anpassen.

Gerade all diese Punkte sagen uns deutlich, warum es richtig war, die Ausstellung zum 40-Jahr-Jubiläum nicht als Retrospektive anzulegen, sondern als Leuchtturm der Gegenwart einer lang-, langjährig engagierten Galeristin im besten Sinn des Wortes. Eigentlich schloss sie ihre Galerie ja schon zwei Mal. Der Umzug vom Kronenplatz in den Alten Stadtbahnhof in Lenzburg und der Umzug von Lenzburg nach Aarau im Jahr 2000 – das waren keine End-Situationen. Doch wenn Sie im Ordner beim Jahr 2008 nachschlagen, so finden Sie einen Artikel – erschienen auf der Kulturseite der Aargauer Zeitung – der überschrieben ist mit «Galerie Elisabeth Staffelbach schliesst ihre Tore» und untertitelt mit «Will nicht mehr ihre eigene Sponsorin sein». Man vergesse nicht: Das war mitten in der Finanzkrise, wo wir alle nicht wussten, was auf uns zukommt.

Doch Elisabeth Staffelbach wäre nicht Elisabeth Staffelbach, wenn sie dann nicht doch wieder einen Weg gefunden hätte, um – in einer Art Gleichzeitigkeit – für «ihre» Künstler und Künstlerinnen tätig zu sein und in dieser selbstgestellten Aufgabe selbst zu leben. Und so war es denn kein Zufall, dass sie auf das Angebot von Esther Hufschmid, die aus gesundheitlichen Gründen einen Teil ihrer Galerie aufgeben wollte, einging und fortan über das Label Hufschmid/Staffelbach auftrat. Es war keine Fusion, sondern ein Joint Venture zweier autonomer Galerien. Leider dauerte diese Epoche nur kurz, denn nach dem Tod von Esther Hufschmid die Räumlichkeiten an der Rotwandstrasse im Alleingang zu übernehmen, das war nicht möglich. Aber ganz aufgeben: Nein – nicht die Elisabeth Staffelbach. Und so tritt sie seit Frühling 2011 über das Branding «Art Project Elisabeth Staffelbach» auf – zum Teil als Online-Galerie, zum Teil als temporärer Gast in verschiedenen Räumlichkeiten; grossartig waren die zwei Inszenierungen in einem Annex des Schiffbaus!

Das bringt mich endlich zum Kapitel «Highlights», auch wenn ich dies eigentlich gar nicht schreiben will, weil es ausgrenzenden Charakter hat und Elisabeth Staffelbach wahrscheinlich nicht dieselben Ausstellungen für eine Aufzählung wählen würde wie ich. Sie würde vermutlich unter anderem – Betonung! Unter anderem! –  die Ausstellungen mit den Aargauer Ziegelrain-Künstlern nennen, mit Hugo Suter, mit Christian Rothacher, mit Heiner Kielholz und natürlich Ilse Weber.  Auch Beat Zoderer. Sie würde von den Ausstellungen sprechen, in denen sie bisher selten gemeinsam aufgetretene Künstlerpaare zeigte – von Stefan Gritsch und Barbara Müller, von Hans und Marion Schärer, von Doris und Willy Müller-Brittnau oder von Urs und Maja Aeschbach, Sohn und Mutter. Mette Stausland, Annelies Strbà, Michael Biberstein, Irene Naef, Klaus Born würde sie nennen … eine Liste fast ohne Ende. Vielleicht würde sie auch von der subversiven Schau zu Ehren von Sherlock Holmes berichten. Immer mal wieder aus dem Schema ausbrechen und etwas Freches wagen, gehörte immer zu Elisabeth Staffelbach. Ich bin mit all diesen mutmasslichen Erwähnungen einverstanden. Aber subjektiv spreche ich vielleicht eher vom «Urweib» von Ruedi Blättler, das sich einst auf dem Boden der Galerie im Stadtbahnhof breit machte, oder  von den allerersten Ölbildern von Uwe Wittwer oder vom «Wassermann, der einen Fisch an Land spuckt», einer Installation von Agnes Barmettler, von der Duo-Ausstellung von Luigi Archetti und Federica Gärtner und, und, und …

Unbestritten  ist – und dies nicht nur von mir! – dass sich Elisabeth Staffelbach mit den beiden grossen Freilichtausstellungen «Natur und Kunst» (1982) und «Schloss, Schlösser, Luftschlösser» (1985) in die nationale Kunstgeschichte der Schweiz eingeschrieben hat. «Natur und Kunst» mit Werken von Rudolf Blättler, Erica Pedretti, Peter Hächler, Ernst Jordi,  Franz Buchwalder, Beat Zoderer, Schang Hutter, Rosmarie Vogt, Ernst Häusermann und Ester Gisler, Margareta Dubach, ja sogar Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl, war Neuland in der Schweiz – ähnliche Ausstellungen mit ortsspezifischen Arbeiten in situ gab es zuvor nur in Zug und in Sachseln. Und Elisabeth Staffelbach realisierte das alles praktisch im Alleingang! Man stelle sich das mal vor! Gewiss, einen Katalog so zu basteln wie wir das damals machten, ist heute nicht mehr denkbar. Aber es gab einen Katalog – mit wunderbaren Aufnahmen von Bernard Gardel – das war wichtig! – Und auch «Schloss, Schlösser, Luftschlösser» rund um Schloss Lenzburg, 1985, war grossartig; nun schon deutlich professioneller, aber bereits in Konkurrenz mit Môtiers und Bex! Ruedi Häusermanns «Ameisenstrasse» ist immer noch in meinem Kopf und Roman Signers «Helikopter-Regen-Maschine» natürlich auch, und Heidi Buchers Luftschloss und – eigentlich an erster Stelle zu nennen – die Himmelsleiter von Ueli Berger hinauf auf den Goffersberg. Ferner das «Schloss des Unbehausten» von Beatrix Sitter-Liver, die «Luftwurzeln» von Olivia Etter, der Landschaftskreis von Heiner Richner.

Viele, die sich an diesen beiden Ausstellungen beteiligt hatten, wurden in der Folge zu Galerie-Künstlern.

Es bleibt mir am Schluss die schwierige Aufgabe, den künstlerischen roten Faden zu benennen, der Versuch, herauszufinden, ob es etwas gab und gibt, an dem sich Elisabeth Staffelbachs Begeisterung immer wieder entzündete.

Zu einem der Jubiläen habe ich mal den Titel gesetzt: «Die Präzision in der Weite des Unbestimmten». Da kommen zwei Momente drin vor, die mir  richtig und wichtig scheinen – die Präzision, die auch ausserordentliches handwerkliches Können und Sorgfalt im Umgang mit Materialien mit einschliesst. Das zieht sich durch von den hauchdünnen Porzellan-Schalen von Ruth Monnier bis zum komplexen Herstellungsprozess der Fotografien von Katrin Freisager, den bemalten Teppichen des jungen Vincent Kriste. Und dann die «Weite des Unbestimmten» – die Offenheit, mit der sich Elisabeth Staffelbach verschiedensten Stilrichtungen öffnete – von den Maskeraden eines Ernst Jordi, den erzählerischen Bildern eines Claude Sandoz über die Geometrien eines Heinz Müller-Tosa bis zu den in dunkle Graphit-Gefilde vordringenden Zeichnungen einer Marianne Kuhn. Und immer zwei- und dreidimensional; Malerei, Zeichnung, Graphik zum einen, Skulptur, Objekt, seltener Installation zum andern. Und immer – das ist vielleicht das entscheidende Credo – immer visuell ausgerichtet. Für theoretische Konzepte und gedankliche Konstrukte kann sich Elisabeth Staffelbach nur dann begeistern, wenn sie die Betrachtenden auch optisch in Bann ziehen, egal ob naturalistisch, realistisch oder fantastisch. Nichts am Hut hat die Galeristin mit politischen Aussagen. Engagement ja, aber Meinungskunst, nein. Vielleicht mit einer Ausnahme: Schang Hutter. Auch Mystisch-Spirtituelles stösst bei ihr eher auf Abwehr. Zu sagen ist, dass in den Haupt-Jahrzehnten der Galerie sowieso eher emotionale und auch die Erscheinung der Welt und der Dinge erforschende Positionen im Vordergrund standen, wobei das durchaus bis zur Postapokalypse eines Franz Anatol Wyss gehen konnte. Lange Zeit eher schwer tat sich die Galeristin mit den neuen Medien, der Fotografie, dem Video. Die Fotografie erscheint bis heute fast nur in Kombination mit «Malerei» – sei es am Bildschirm wie bei Annelies Strbà oder auf dem Wasser wie bei Katrin Freisager oder durch raffiniertes Verbinden von Vorder- und Rückseite bei Maurice Ducret.

Und jetzt, aktuell? – Schauen Sie in die Runde. Ich danke fürs Zuhören!

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